Pater Don Demidoff ICCC
Interview mit Maestra Aneta Vovca
(Das Interview führte Erik Schumann)
Warum kämpfen Sie für einen Straßenpriester?
Pater Don bezeichnet mich als die einzige Freundin, die er in Rumänien hat. Das schmeichelt mir. Ich begleite ihn seit über zehn Jahren als Anwältin. Wir sind kreuz und quer durch das ganze Land gefahren, weil wir in vielen Städten für das Recht der Kinder und der Stiftung vor Gericht gefochten haben. Die ganze Prozessvorbereitung, die gemeinsamen Stunden im Auto, unsere kleinen und großen Siege, dadurch lernt man sich gut kennen. Mein Mann wirft mir vor, ich würde mehr Zeit mit dem Pater als mit ihm verbringen.
Ich habe großen Respekt vor der Arbeit, die Pater Don leistet. Es ist eine schwere Arbeit, die er nicht für sich, sondern für unsere Kinder, für unser Land leistet. Auch in den größten Schwierigkeiten hat er die Kinder nie verlassen. Viele ausländische Stiftungen sind aus meinem Land wieder fortgegangen, Pater Don ist geblieben. Er ist sicher alles andere als naiv, er ist kein Träumer. Hinter seinem Erfolg steckt harte, harte Arbeit.
Ist Pater Don nicht eher ein schwieriger Klient, weil er sich mit den Obrigkeiten des Landes anlegt?
Der Pater hat ein ausgesprochenes Rechtsgefühl, und deshalb zögert er nicht, die Autoritäten vor Gericht zu bringen, wenn seinen Kindern, der Stiftung oder ihm Unrecht widerfährt. Damit zeigt er auch den anderen Menschen im Land, dass es ein aufrechter Charakter gegen Widerstände von oben schaffen kann, sein Recht zu bekommen. Denn bisher haben es nur wenige Menschen gewagt, solche Prozesse zu führen. Der Pater ermahnt die Autoritäten dieses Landes, das Recht zu akzeptieren.
Den ersten Prozess musste Pater Don führen, weil er kein Schmiergeld zahlen wollte. Deshalb wurde behauptet, er hätte ohne Genehmigung gebaut. Auf dieser Grundlage wurde angeordnet, dass das Kinderhaus einzureißen wäre und die Kinder müssten die Stiftung verlassen. Selbstverständlich konnte Pater Don nachweisen, dass er den Bauantrag gestellt hatte, dieser bei den Behörden aber sofort in den Papierkorb gewandert war.
Zu den meisten Prozessen erscheint Pater Don persönlich. Er nimmt diese Sachen sehr ernst und verlangt, dass sich die Gerichte mit großer Aufmerksamkeit seinem Anliegen widmen. Obwohl es in Rumänien absolut unüblich ist, greift er ab und zu in eine Verhandlung ein. Wo sonst die Anwälte sprechen, verlangt Pater Don manchmal das Wort. Neulich hat er an die Richterin appelliert, neben den juristischen Aspekten auch moralische und ethische Überlegungen in die Urteilsfindung einfließen zu lassen. Sie hat ihm nur kurz das Wort erteilt, dann aber doch länger sehr aufmerksam zugehört, was Pater Don zu sagen hatte. Sogar im Saal herrschte Ruhe. Da geht es nämlich sonst recht munter zu. Ich weiß auch, dass er im Gerichtssaal betet, manchmal steht er noch versunken in sich da, obwohl schon der nächste Fall an der Tagesordnung ist.
Kämpft Pater Don auf verlorenem Posten?
Nein, es war und ist kein verlorener Posten, auf dem Pater Don kämpft. Er hat viel geschafft. Man muss sich nur umsehen, um das zu begreifen. Das alles sind die Resultate seines Kampfes. Man muss nichts beweisen, man sieht alles.
Die Stiftung in Cincu ist etwas Helles, und in einem Dorf, das vorher fast tot war, ist Leben entstanden. Man darf ja nicht vergessen, dass Pater Don sich zwar um seine Kinder kümmert, aber dadurch auch viele Arbeitsplätze entstanden sind. Und die lachenden Kinder verbreiten Fröhlichkeit. In vielen anderen rumänischen Dörfern finden Sie nur deprimierte Menschen.
Wann wird die Arbeit von Pater Don im Land anerkannt sein?
Sein großer Einsatz – mit allen Opfern – ist doch letztlich bereits von den Autoritäten Rumäniens anerkannt. Sie wissen, wie die Stiftung aufgebaut ist und wie sie funktioniert. Wenn es auch Einzelne gibt, die Pater Don anfeinden und die Arbeit der Stiftung am liebsten beenden würden, sie repräsentieren nicht die Mehr-heit. Man tut oft gut daran, ihnen keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Je mehr der Wohlstand in Rumänien steigt, desto weniger wird es Angriffe auf Pater Don geben.
Gibt es vor rumänischen Gerichten Gerechtigkeit für Pater Don?
Ich bin zufrieden. Über 80 Prozesse haben wir führen müssen, fast immer durch alle Instanzen hindurch, und bis auf zwei haben wir alle gewonnen. Aber es gibt auch Einschränkungen. Wenn Pater Don sich zum Beispiel mit einer Behörde vor Gericht streitet, sollte er besser den Prozess nicht an dem Ort zu führen, an dem die Behörde Einfluss besitzt. Erst nach der Verlegung des Prozesses an einen anderen Ort kann man überhaupt darauf hoffen, Recht zu bekommen. Aber das ist auch nicht so ohne weiteres möglich. Von etwa 60 Anträgen beim Obersten Gerichtshof auf Verlegung des Prozessortes werden in der Regel zwei genehmigt. Aber wir sind meistens unter diesen zweien. In den vergangenen zehn Jahren haben wir 24 Prozessverlegungen durchsetzen können. Letztlich wird damit ja bescheinigt, dass einige Gerichte nicht objektiv sind. Man nimmt also schon ernst, was Pater Don macht. Ich bin mit den Angelegenheiten der Stiftung meistens zum Obersten Gerichtshof gegangen.
Das größere Problem ist die Bürokratie in Rumänien, aber damit muss sich nicht nur Pater Don herumschlagen. So viele Prozesse mussten geführt werden, aber auch viele andere Kämpfe hatte Pater Don zu bestehen. Den Autoritäten musste beigebracht werden, die eigenen Gesetze zu achten und die Person des Paters. Es gab viele Versuche seitens der Behörden, die Stiftung zu schließen. Die Prozesse wurden oft mit falschen Anschuldigungen gegen Pater Don geführt. Dabei wurde in Kauf genommen, dass die Kinder danach wieder auf der Straße sind.
Warum hat Pater Don so viele Feinde?
Das war sicherlich anfangs so. Und es ist ja auch ganz natürlich: Wer es wagt, hohe Autoritäten zu verklagen, zieht den Zorn der Obrigkeit auf sich. Aber der Pater ist ja viel freier aufgewachsen als ich und alle anderen Bewohner dieses Landes. Das kommunis-tische Obrigkeitsdenken ist in uns Rumänen noch tief verwurzelt. Aber Pater Don stellt sich nicht zuerst die Frage, ob er es überhaupt wagen darf, eine Behörde zu verklagen. Er wehrt sich, wenn er ungerecht behandelt wird, egal gegen wen. Wenn der An-trag eines Rumänen abgelehnt wurde, nimmt der es hin. An einen zweiten Versuch denkt er überhaupt nicht, die Ablehnung ist für ihn definitiv. Pater Don kommt dann erst richtig in Fahrt. Er kämpft so lange, bis er sein Recht bekommen hat. Leider ist er nicht immer so diplomatisch, wie ich es mir wünschen würde. Einmal hat er in meinem Beisein eine sehr hoch stehende Person gefragt, wann sie endlich gedenke, ihren Hut zu nehmen.
Wenn ich noch daran denke, wie Pater Don in den ersten vier Jahren von der gesamten Presse in Rumänien angegriffen wurde! In einem regelrechten Konzert wurde er verrissen. Das war zu auffällig, das war gesteuert, dahinter standen Leute mit Einfluss. Gegen die Verleumdungen setzte Pater Don sich zur Wehr, und zwar sehr erfolgreich. Einige Journalisten mussten ihm Schmerzensgeld zahlen, Gegendarstellungen mussten abgedruckt werden. Danach war Ruhe. Aber selbst heute gibt es noch einen Journalisten, der hartnäckig versucht, das »Geheimnis« hinter Pater Don zu entschlüsseln. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass die Arbeit des Paters nur die Fassade ist, hinter der sich schreckliche Dinge verbergen. Auch er wurde zur Zahlung von Schmerzensgeld verurteilt und kann dies wohl nicht verwinden.
Die Zahl seiner Feinde hat abgenommen. Ob in seinem Dorf, in der Kreisstadt oder bei Behörden und Ministerien, Pater Don hat viele Fürsprecher gewonnen. Irgendwann muss doch jeder akzeptieren, was er sieht. Zustände, die früher hoffnungslos waren. Aber sehen Sie sich heute das Kinderheim an: Es ist alles geordnet, es ist alles organisiert, die Ruhe, die dort herrscht, die Freude der Kinder! Immer, wenn Pater Don kommt, umringen ihn die Kinder. Eine große Familie. Für mich sind das Wunder.
Kann Rumänien etwas von Pater Don lernen?
Nun, ich begleitete Pater Don seit etwa zehn Jahren und habe mit ihm viele Prozesse durchgestanden. Sie können mir glauben, dass ich meinen Mandanten gut kenne. Ich selber habe viel von Pater Don gelernt. Zum Beispiel auch, dass man Gesetze in Rumänien ändern kann, wenn sie ungerecht sind. Durch die Arbeit der Stiftung und durch meine Unterstützung mussten zwei Gesetze geändert werden.
Insofern, als dass Pater Don für seine Kinder kämpft, hat er auch Präzedenzfälle geschaffen, von denen wieder andere Stiftungen profitieren. So hatte ihm die Finanzpolizei vorgeworfen, dass seine Stiftung durch Spendengelder Gewinne erwirtschaften würde, die er nicht versteuert hätte. Auf der ganzen Welt werden Spenden-gelder nicht besteuert, und die Stiftung des Paters arbeitet ganz sicher nicht gewinnorientiert. Trotzdem wurden umfangreiche Hausdurchsuchungen durch die Steuerfahndung angeordnet. Die Stiftung wurde regelrecht überfallen, Unterlagen und Disketten wurden beschlagnahmt. Mit dem Vorwurf des Steuerbetrugs wurde ein Prozess gegen die Stiftung angestrengt. Aber der Finanzgerichtshof hat die Argumente der Finanzpolizei verworfen und die Anklage fallen lassen. Das Gericht stellte fest, dass die Stiftung keine Gewinne macht.
Nun schaltete sich das Finanzministerium ein und ging in Berufung, um die Anklage gegen Pater Don zum zweiten Mal ein-zureichen. Der Oberste Gerichtshof lehnte die Berufung ab und be-stätigte wiederum den rein huma-nitären Charakter der Stiftung. Außerdem wurden die Praktiken der Steuerfahndung als illegal und als Machtmissbrauch kritisiert. Dieser Präzedenzfall hilft den Stif-tungen in Rumänien, da alle von der Finanzpolizei schikaniert wur-den, und er trug dazu bei, ein Ge-setz zugunsten der Stiftungen zur ändern.
Aber die Arme der Behörden reichen weit. Die alte Nomenklatur kennt sich. Plötzlich sollte das Visum von Pater Don, das vom Gesundheitsministerium ausge-stellt wird, nicht verlängert werden – zu einem Zeitpunkt, als der Pater zum Ehrenbürger der Gemeinde Cincu ernannt worden war! Auch in diesem Fall musste erst der Oberste Gerichtshof an-gerufen werden, bevor wir unser Recht bekamen und der Pater sein Visum.
Wie hat Pater Don sich in den vergangenen Jahren verändert?
Pater Don reibt sich auf. Er ist immer unruhig und leidet sicherlich unter Stress, denn alle kommen mit ihren Problemen zu ihm, Kinder, Mitarbeiter, Dorfbewohner und Menschen aus dem ganzen Land. Und es gibt immer irgendein Problem. Dann die Fahrerei: Laufend ist Pater Don unterwegs, er ist wirklich ein Straßenpriester, innerhalb Rumäniens und im Ausland, wo er für seine Kinder bettelt. Zeit zur Entspannung findet er nicht. Wenn es irgendwo brennt, ist Pater Don sofort zur Stelle, ob es ihm gut geht oder nicht. Pater Don hat viele Opfer gebracht, seine Gesundheit hat gelitten. Das hat natürlich seine Spuren hinterlassen. Aber er kämpft für seine Kinder wie am ersten Tag.
Es ist eine Schande, dass Pater Don so viele Auseinander-setzungen vor Gericht führen musste. Er ist als Sieger aus diesen Prozessen hervorgegangen, ansonsten würde die Stiftung nicht mehr bestehen. Aber es hat ihn auch viel Kraft gekostet.
Warum gehen die Rumänen so mit ihren Kindern um?
Es fehlt die Zuneigung, die Liebe der Menschen zu den Kindern. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Die Justiz kann den Schutz der Kinder nur beschränkt gewährleisten. Eigentlich müssten sich die Mütter bei der Geburt ihres Kindes im Krankenhaus ausweisen, und die Krankenhäuser sind verpflichtet, auf die Einhaltung dieser Bestimmung zu achten. Was in anderen Ländern funktioniert, klappt in Rumänien noch nicht.
Was gibt Pater Don den Kindern fürs Leben mit?
Viel. Zunächst einmal die Erziehung, dann den Glauben. Am eigenen Leib erfahren sie die gelebte Liebe. Er entfacht in ihnen den Wunsch, dass sie nach dem Verlassen der Stiftung in geordneten Verhältnissen weiterleben können und ihre eigenen Kinder im gleichen Sinne erziehen. Vielleicht werden sie dann später einmal darüber nachdenken, in welcher Form sie die Zinsen zurückzahlen können.
Pater Don gibt den Kindern sein Beispiel, er redet nicht nur darüber, sondern er lebt es vor. Insofern könnte sein Vermächtnis an die Kinder lauten: Ein aufrechter Mensch, der einen großen Glauben hat, wird immer siegen.